Antibiotic Stewardship (ABS): Strategien gegen Resistenzen

Es gibt diesen Moment auf der Intensivstation, den jeder Klinikarzt und jede Hygienefachkraft fürchtet. Der Patient fiebert, der Kreislauf wackelt, und das Labor schickt das Antibiogramm zurück. Man schaut auf die Liste der verfügbaren Antibiotika, und hinter jedem einzelnen Namen steht ein rotes „R“. Resistent.

Das ist keine theoretische Gefahr aus einem Hollywood-Drehbuch über die nächste Superseuche. Das ist Dienstagvormittag in deutschen Kliniken. Wir haben uns über Jahre in eine Sicherheit gewiegt, die es so nicht mehr gibt.

Antibiotic Stewardship (ABS) klingt erst einmal nach einem dieser neumodischen Buzzwords, die durch Verwaltungsflure geistern, zusammen mit „Change Management“ und „Synergieeffekten“. Aber im Kern geht es bei ABS um etwas sehr Handfestes: Wir müssen aufhören, Antibiotika wie Smarties zu verteilen, sonst stehen wir in zehn Jahren bei bakteriellen Infektionen wieder da, wo die Medizin 1930 stand – machtlos.

Als jemand, der sich seit Jahren mit Krankenhaushygiene und Infektionsprävention beschäftigt – gerade auch hier im Kontext von HyHelp und elektronischem Monitoring – kann ich Ihnen sagen: ABS ist mehr als nur eine Leitlinie. Es ist ein kultureller Wandel. Und der tut weh.

Das „Viel hilft viel“-Problem in den Köpfen

Warum haben wir überhaupt Resistenzen? Bakterien sind clever, klar. Sie passen sich an. Aber wir haben es ihnen auch verdammt leicht gemacht. Jahrelang galt in vielen Notaufnahmen und Hausarztpraxen die Devise: „Der Patient hustet seit drei Wochen? Geben wir ihm ein Breitband-Antibiotikum, sicher ist sicher.“

Diese „Angst-Verschreibung“ ist das Hauptproblem. Ein Arzt verschreibt oft nicht, weil er von einer bakteriellen Infektion überzeugt ist, sondern weil er Angst hat, etwas zu übersehen. Oder weil der Patient eine Erwartungshaltung hat („Ich brauche was, damit ich morgen wieder zur Arbeit kann“).

Das Resultat ist ein enormer Selektionsdruck. Wir töten die harmlosen, empfindlichen Bakterien ab und rollen den roten Teppich für die mutierten, resistenten Keime aus. Die haben dann keinen Wettbewerb mehr und vermehren sich fröhlich. Das ist Evolution im Zeitraffer, live in Ihrem Darm.

ABS in der Praxis: Weg vom Schrotschuss, hin zum Scharfschützen

Antibiotic Stewardship bedeutet im Grunde, den Einsatz von Antibiotika zu rationalisieren. Das klingt trocken, ist aber am Krankenbett oft ein kleiner Kampf. Ein gutes ABS-Programm setzt an drei kritischen Punkten an, und keiner davon ist trivial.

1. Die Diagnose muss stehen, bevor die Tablette kommt

Früher wurde oft „kalkuliert“ therapiert. Das ist Mediziner-Deutsch für: „Wir wissen nicht, was es ist, aber wir schießen mal mit der Kanone drauf.“ ABS fordert Diagnostik. Nehmen wir Blutkulturen ab? Haben wir einen Abstrich? Warten wir auf das Ergebnis, bevor wir das Reserveantibiotikum auspacken?

Natürlich kann man bei einer Sepsis nicht zwei Tage warten. Aber man kann nach zwei Tagen, wenn das Ergebnis da ist, die Therapie anpassen. Das passiert aber viel zu selten. Oft wird das Breitbandmittel einfach „durchgezogen“, weil der Patient ja stabil ist. „Never change a winning team“ ist in der Infektiologie aber ein gefährlicher Satz.

2. De-Eskalation statt Dauerfeuer

Das ist der Punkt, an dem es in Visiten oft kracht. Ein Patient bekommt seit drei Tagen Meropenem – ein extrem starkes Antibiotikum, quasi die letzte Verteidigungslinie. Es geht ihm besser. Das Labor meldet: „Es ist nur ein simpler E. coli, der auf fast alles sensibel reagiert.“

Ein ABS-Experte wird jetzt sagen: „Absetzen. Wir steigen um auf ein schmaleres Penicillin.“ Der Stationsarzt wird oft zögern. Warum ändern, wenn es doch wirkt? Genau hier greift ABS: Wir müssen das schwere Geschütz wegpacken, um es für den nächsten Patienten aufzusparen, der es wirklich braucht.

3. Die Dauer ist entscheidend

Früher hieß es, man müsse die Packung zu Ende nehmen. Heute wissen wir: Kürzere Therapiezeiten sind bei vielen Infektionen genauso effektiv und produzieren weniger Resistenzen. Eine Lungenentzündung muss oft keine 10 Tage mehr behandelt werden; oft reichen 5 bis 7. Jeden Tag, den wir einsparen, senken wir das Risiko für Nebenwirkungen und Resistenzen.

Die unsichtbare Verbindung: Händehygiene und Resistenz

Hier bei HyHelp haben wir uns immer auf einen Aspekt konzentriert, der oft übersehen wird, wenn alle nur über Pillen reden: Die Übertragung.

Stellen Sie sich vor, Sie haben das perfekte ABS-Programm. Ihre Ärzte verschreiben brilliant, sparsam und zielgerichtet. Aber Ihre Händehygiene-Compliance liegt bei mageren 40 Prozent. Was passiert?

Sie werden trotzdem Ausbrüche mit multiresistenten Erregern (MRE) haben. Denn die resistenten Keime (wie MRSA oder VRE), die bereits im Krankenhaus existieren, müssen ja irgendwie von Patient A zu Patient B kommen. Und das Taxi Nummer 1 sind die Hände des Personals.

ABS reduziert den Entstehungsdruck neuer Resistenzen. Händehygiene verhindert die Verbreitung derer, die schon da sind.

Ich habe Stationen gesehen, da wurde über die Wahl des Antibiotikums philosophiert wie bei einer Weinprobe, aber niemand hat sich beim Betreten des Zimmers die Hände desinfiziert. Das ist Wahnsinn. Elektronische Monitoringsysteme, wie wir sie propagieren, sind hier der einzige Weg, um ehrliche Daten zu bekommen. Die menschliche Beobachtung ist nett, aber fehleranfällig (Hawthorne-Effekt: Wenn man beobachtet wird, verhält man sich besser). Elektronik lügt nicht. Wenn der Spender nicht gedrückt wurde, wurde er nicht gedrückt.

Hürden im Alltag: Warum es so schwer ist

Wenn ABS so logisch ist, warum macht es dann nicht jeder perfekt? Weil Krankenhäuser komplexe soziale Gefüge sind und keine Logik-Maschinen.

Chefarzt-Egos spielen eine Rolle. Wenn der leitende Arzt der Chirurgie sagt „Bei mir bekommt jeder zur Prophylaxe drei Tage Cephalosporine“, dann traut sich der junge Assistenzarzt kaum, auf die aktuellen Leitlinien zu verweisen, die sagen: „Eine Dosis vor dem Schnitt reicht.“ Hier braucht es ABS-Teams, die diplomatisch, aber hartnäckig intervenieren. Das sind meist Infektiologen oder speziell geschulte Apotheker, die mit auf Visite gehen.

Dann ist da der Zeitfaktor. Eine durchdachte, zielgerichtete Therapie zu planen, dauert länger als das Standard-Schema F anzukreuzen. In einem Gesundheitssystem, das auf Fallpauschalen und Durchsatz optimiert ist, ist Zeit eine Währung, die keiner hat.

Strategien, die wirklich funktionieren (Beyond the Basics)

Was machen erfolgreiche Krankenhäuser anders? Sie setzen auf strukturelle Bremsen und Hilfestellungen.

Das „Antibiotic Timeout“

Das Konzept ist simpel, aber genial. Nach 48 bis 72 Stunden muss jede Antibiotikatherapie neu bewertet werden. Automatisch. In der elektronischen Kurve poppt eine Warnung auf: „Tag 3 erreicht. Weiterführen? Eskalieren? De-eskalieren? Absetzen?“ Der Arzt wird gezwungen, eine bewusste Entscheidung zu treffen, statt die Verordnung einfach weiterlaufen zu lassen.

Lokale Leitlinien statt Wälzer aus der Bibliothek

Eine Leitlinie der deutschen Fachgesellschaft ist gut. Eine Leitlinie, die auf die eigene Resistenzstatistik des Hauses angepasst ist, ist besser. Wenn ich weiß, dass in meinem Haus die E. coli Bakterien zu 30% resistent gegen Ciprofloxacin sind, dann schreibe ich in meine Haus-Leitlinie: „Kein Ciprofloxacin als erste Wahl bei Harnwegsinfekten.“ Das macht es den Ärzten leicht, das Richtige zu tun.

Switch-Protokolle

Die Umstellung von intravenös (Spritze) auf oral (Tablette) wird oft vergessen. Dabei ist das ein riesiger Faktor. Sobald der Patient Tabletten schlucken kann und der Magen-Darm-Trakt funktioniert, sollte umgestellt werden. Das spart Geld, reduziert das Risiko von Venenentzündungen und erlaubt oft eine frühere Entlassung. ABS-Teams scannen Listen nach Patienten, die noch am Tropf hängen, obwohl sie schon Schnitzel essen. Das ist „Low Hanging Fruit“.

Der Faktor Patient: Wir müssen reden

Ein Aspekt wird bei ABS oft vergessen: Der Patient selbst. Wir haben eine Kultur geschaffen, in der ein Arztbesuch ohne Rezept als Misserfolg gilt. „Der hat mir gar nichts verschrieben“ ist oft gleichbedeutend mit „Der hat mich nicht ernst genommen“.

Wir müssen lernen, Patienten zu erklären, dass „Abwarten und Tee trinken“ bei einer viralen Bronchitis tatsächlich die beste Medizin ist. Ein Antibiotikum würde hier nur die Darmflora zerstören und Nebenwirkungen erzeugen, ohne gegen die Viren zu helfen. Diese Kommunikation kostet Zeit – da sind wir wieder beim Zeitproblem – ist aber für langfristiges Stewardship unerlässlich.

Es gibt Studien, die zeigen, dass Patienten zufriedener sind, wenn sie verstehen, *warum* sie kein Antibiotikum bekommen, als wenn sie kommentarlos eines erhalten.

Ein Blick in die Zukunft: Diagnostik als Schlüssel

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, wäre es schnellere Diagnostik. Aktuell hinken wir den Bakterien immer zwei Tage hinterher (so lange braucht die Kultur im Brutschrank). Moderne PCR-Verfahren oder Massenspektrometrie können Erreger teils in Stunden identifizieren. Das ist teuer, ja. Aber wissen Sie, was teurer ist?

Ein Patient, der isoliert werden muss, weil er einen multiresistenten Keim hat. Ein Bett, das gesperrt werden muss. Eine Sepsis, die eskaliert, weil das erste Antibiotikum nicht wirkte.

Wir müssen Investitionen in Diagnostik und Hygiene (wie die erwähnten elektronischen Monitoring-Systeme bei HyHelp) als Versicherungspolice betrachten. ABS funktioniert am besten, wenn wir wissen, gegen wen wir kämpfen. Blindflug war gestern.

Fazit aus dem Kitteltaschen-Notizbuch

Antibiotic Stewardship ist kein Projekt, das man mal eben einführt und dann ist es fertig. Es ist ein dauerhafter Kampf gegen Bequemlichkeit, Angst und biologische Evolution. Aber es ist ein Kampf, den wir gewinnen können, wenn wir Datengrundlagen schaffen.

Daten über unseren Antibiotikaverbrauch. Daten über unsere lokalen Resistenzen. Und – ganz im Sinne von HyHelp – Daten über unsere Händehygiene. Denn am Ende des Tages nützt das beste Reserveantibiotikum nichts, wenn wir es gar nicht erst hätten einsetzen müssen, weil die Infektion durch saubere Hände vermieden worden wäre.