Umsetzung der qualitätsorientierten Vergütung: Auswirkungen auf die Hygiene

Mal Hand aufs Herz: Wenn wir früher in der Controlling-Abteilung über „Qualität“ gesprochen haben, ging es meistens um Zertifikate, die man sich in den Eingangsbereich hängt, damit die Patienten beruhigt sind. In den letzten Jahren hat sich der Wind aber gedreht – und zwar massiv. Heute bedeutet Qualität im Krankenhaus harte Währung. Oder genauer gesagt: Mangelnde Qualität kostet uns richtig Geld.

Ich sitze täglich über den Zahlen, und glauben Sie mir, die Zeiten, in denen Kliniken Hygiene als reinen Kostenfaktor – als notwendiges Übel – betrachtet haben, sind vorbei. Spätestens seit der Einführung der qualitätsorientierten Vergütung durch den Gesetzgeber (Stichwort KHSG) ist Hygiene zu einer betriebswirtschaftlichen Kennzahl geworden. Wer hier spart, zahlt am Ende doppelt: Einmal durch die Behandlung von Komplikationen, die keine Kasse mehr voll bezahlt, und einmal durch direkte Abschläge bei der Vergütung.

Lassen Sie uns mal die trockenen Gesetzestexte beiseitelegen und uns ansehen, was das konkret für die Praxis bedeutet und warum technische Lösungen wie elektronisches Monitoring plötzlich auf dem Investitionsplan ganz oben stehen – und zwar nicht, weil es „schick“ ist, sondern weil es die Bilanz rettet.

Der Mythos vom „weichen Faktor“ Hygiene

Früher konnte man in Budgetverhandlungen mit Chefärzten oft hören: „Wir operieren hervorragend, unsere Händehygiene ist gefühlt okay.“ Gefühlt. In der Finanzbuchhaltung können wir mit Gefühlen nichts anfangen.

Das Problem an der Krankenhausfinanzierung Hygiene war lange Zeit, dass Prävention unsichtbar ist. Eine verhinderte Infektion taucht in keiner Bilanz auf – zumindest nicht direkt. Aber eine aufgetretene nosokomiale Infektion (Krankenhausinfektion) zerstört die Marge eines Falles komplett. Wir reden hier nicht von Kleingeld. Ein schwerer Fall von MRSA oder eine Sepsis nach einer OP verlängert die Liegedauer drastisch. Diese Tage werden oft nicht oder nur teilweise vergütet, blockieren aber das Bett für den nächsten lukrativen elektiven Eingriff.

Jetzt kommt der Gesetzgeber dazu. Mit den Qualitätsverträgen und den Zu- und Abschlägen hat der G-BA (Gemeinsame Bundesausschuss) Instrumente geschaffen, die wehtun. Wenn wir bestimmte Qualitätsindikatoren fortlaufend verfehlen, drohen echte Erlöseinbußen. Und Hygieneindikatoren – speziell Wundinfektionen – sind hier die „tief hängenden Früchte“, auf die die Prüfer schauen.

Warum die alte „Strichliste“ uns finanziell das Genick bricht

Ich habe noch Zeiten erlebt, da lief die Hygienefachkraft (sofern wir eine hatten, die nicht hoffnungslos überlastet war) mit einem Klemmbrett durch die Stationen. Direkte Compliance-Beobachtung. Das Ergebnis war immer dasselbe: Sobald jemand mit Klemmbrett im Raum stand, haben sich alle die Hände desinfiziert wie die Weltmeister. Kaum war die Tür zu, sank die Rate wieder.

Für mich als Finanzverantwortlichen ist das ein Albtraum. Warum?

  • Wir melden Daten an die Qualitätssicherung, die nicht der Realität entsprechen (Hawthorne-Effekt).
  • Wenn dann der MDK (Medizinische Dienst) prüft oder wir einen Ausbruch haben, passen unsere gemeldeten „tollen“ Raten nicht zu den hohen Infektionszahlen. Das führt zu unangenehmen Rückfragen und Regressforderungen.
  • Manuelle Erfassung kostet Personalressourcen, die wir schlicht nicht haben. Eine Fachkraft, die Striche macht, kümmert sich nicht um Schulungen oder Prozessoptimierung.

Elektronisches Monitoring: Investition vs. Strafzahlung

Hier kommen Systeme wie HyHelp ins Spiel. Wenn ich so ein System budgetieren muss, schlucke ich erstmal bei den Anschaffungskosten – Sensoren, Software, Installation. Das ist kein Pappenstiel. Aber als Kaufmann muss ich den ROI (Return on Investment) sehen, und der sieht bei der qualitätsorientierten Vergütung plötzlich sehr attraktiv aus.

Die Rechnung ist eigentlich simpel, auch wenn sie in der Verwaltungsratssitzung oft schwer zu vermitteln ist:

Nehmen wir an, wir vermeiden durch valides Echtzeit-Feedback und die daraus resultierende Verhaltensänderung nur fünf schwere nosokomiale Infektionen im Jahr. Bei durchschnittlichen Mehrkosten von 10.000 bis 20.000 Euro pro Infektion (konservativ geschätzt, bei Multiresistenzen ist es oft mehr), haben wir schnell einen sechsstelligen Betrag gespart. Dazu kommt die Vermeidung von Vergütungsabschlägen.

Ein Hygiene-Monitoring-System liefert uns belastbare Daten. Es zeigt nicht nur, dass desinfiziert wurde, sondern auch wann im Prozess (Stichwort: 5 Momente der Händehygiene). Das ist Gold wert für die Argumentation gegenüber Kostenträgern.

Die Psychologie der Zahlen: Ärzte lieben Rankings

Es gibt einen interessanten Nebeneffekt, den ich so nicht auf dem Schirm hatte, als wir das erste Geld dafür freigegeben haben. Mediziner sind wettbewerbsorientiert. Wenn Sie einem Chirurgen sagen „Achten Sie bitte mehr auf Hygiene“, nickt er und geht weiter. Wenn Sie ihm aber eine Grafik zeigen, die belegt, dass seine Abteilung im Vergleich zur Inneren Medizin 15% schlechter abschneidet bei der Händedesinfektion vor Patientenkontakt – dann passiert was.

Transparente Daten schaffen einen internen Wettbewerb um Qualität. Und dieser Wettbewerb senkt unsere Infektionsraten, was wiederum meine Bilanz schützt. Es ist ein Selbstläufer, wenn man die anfängliche Hürde der „Überwachungsparanoia“ überwunden hat. Hier ist allerdings Fingerspitzengefühl gefragt.

Natürlich funktioniert das nicht, wenn man nur Technik in den Flur kippt und hofft, dass alles besser wird. Da muss die Führungsebene ran. Die Technik ist das Werkzeug, aber die Kultur muss von ganz oben kommen. Ohne den Rückhalt des Vorstands verpufft jede Investition in diesem Bereich. Mehr dazu, wie entscheidend die Chefetage hier ist, können Sie in unserem Artikel über die Bedeutung des Top-Managements für die Händehygiene nachlesen.

Qualitätsverträge: Eine Chance für Zusatzerlöse?

Ein Aspekt, der oft übersehen wird, sind die Qualitätsverträge nach § 110a SGB V. Die Krankenkassen sind mittlerweile verpflichtet, solche Verträge anzubieten. Hier geht es darum, innovative Versorgungsprozesse zu erproben.

Für mich als Finanzmanager ist das hochinteressant. Wenn wir nachweisen können, dass wir durch elektronisches Monitoring die Patientensicherheit messbar erhöhen (z.B. Senkung der postoperativen Wundinfektionen), können wir das als Grundlage für solche Verträge nutzen. Das bedeutet: Wir bekommen die Investition in die Hygiene-Technologie unter Umständen refinanziert oder erhalten Bonuszahlungen für erreichte Ziele.

Das setzt aber voraus, dass wir messen können. „Wir glauben, wir sind sauber“ reicht für einen Vertragsabschluss mit der AOK oder Barmer nicht aus. Die wollen Excel-Tabellen sehen. Die wollen Trendlinien. Die wollen Beweise.

Praxis-Check: Wo es im Getriebe knirscht

Ich will Ihnen nichts vormachen – die Einführung solcher Systeme ist kein Spaziergang. Aus finanzieller Sicht gibt es ein paar Stolpersteine, die man kennen muss, bevor man die Unterschrift unter das Angebot setzt.

  • Der laufende Betrieb: Hardware ist eine Sache (Investitionsmittel, Fördertöpfe der Länder – wenn man Glück hat). Aber Wartung, Softwarelizenzen und der Batterietausch der Spender fallen ins laufende Budget (Betriebskosten). Das muss man den Chefärzten erklären, warum dafür an anderer Stelle im Sachbedarf gespart werden muss.
  • Datenschutz-Diskussionen: Der Betriebsrat wird (zurecht) hellhörig. Wenn das System theoretisch überwachen kann, ob Schwester Elke öfter desinfiziert als Pfleger Thomas, haben wir ein politisches Problem im Haus. Wir müssen sicherstellen – und das kostet oft Zeit und anwaltliche Beratung –, dass die Daten aggregiert und anonymisiert genutzt werden. Individualkontrolle ist Gift für die Akzeptanz.
  • Interpretation der Daten: Daten sind dumm. Wenn die Compliance-Rate im August sinkt, kann das heißen, dass wir schlampig werden. Oder es heißt, dass wir einen massiven Norovirus-Ausbruch hatten, alle im Stress waren und die Sensoren vielleicht nicht jede hektische Bewegung erfasst haben, oder Händewaschen statt Desinfektion nötig war (was die meisten Sensoren nicht tracken). Wir brauchen jemanden im Controlling oder der Hygiene, der diese Zahlen „übersetzen“ kann, bevor wir Panik verbreiten.

Fazit: Ohne Daten kein Geld

Die qualitätsorientierte Vergütung wird nicht wieder verschwinden. Im Gegenteil, die Schrauben werden angezogen. In den kommenden Krankenhausreformen wird die Vorhaltepauschale vermutlich auch an Qualitätskriterien geknüpft sein. Wer da nicht liefern kann, fliegt aus der Versorgungsstufe.

Als jemand, der für die Liquiditätssicherung zuständig ist, sehe ich Investitionen in Hygiene-Monitoring heute ganz nüchtern: Es ist eine Versicherungspolice. Sie kostet Geld, ja. Aber das Risiko, ohne valide Daten in Verhandlungen mit Kostenträgern zu gehen oder Strafzahlungen wegen schlechter Qualitätsindikatoren zu kassieren, ist ein viel zu großes Wagnis.

Wir müssen weg von der „Putzteufel-Mentalität“ hin zu einer datengetriebenen Prozessoptimierung. Und dafür brauchen wir Technologie, die uns die Wahrheit sagt – auch wenn sie manchmal unbequem ist.