Vermeidbarkeit von katheter-assoziierten Harnwegsinfektionen (CAUTI)

Hand aufs Herz: Wenn wir in der Krankenhaushygiene die Infektionsstatistiken durchgehen, ist es eine Zeile, die uns fast immer entgegenblickt. Die katheter-assoziierte Harnwegsinfektion (CAUTI). Sie ist so etwas wie der „Klassiker“ unter den nosokomialen Infektionen – leider. Und das Frustrierende daran ist nicht ihre Häufigkeit an sich, sondern die Tatsache, dass ein riesiger Teil dieser Fälle schlichtweg vermeidbar wäre.

Ich arbeite nun schon lange genug im Bereich Infektionskontrolle, um zu wissen, dass Theorie und Praxis auf der Station oft zwei völlig verschiedene Welten sind. In den Leitlinien liest sich alles wunderbar logisch: Indikation stellen, steril legen, täglich prüfen, raus damit. Aber im Stationsalltag, zwischen Notaufnahmen, Personalmangel und drei klingelnden Patientenzimmern gleichzeitig, sieht die Realität anders aus. Da wird der Dauerkatheter (DK) manchmal eher zum „Arbeitserleichterer“ als zum medizinischen Instrument. Und genau hier müssen wir ansetzen.

Wir bei HyHelp beschäftigen uns zwar primär mit elektronischem Händehygiene-Monitoring, aber am Ende des Tages dient das alles einem Ziel: Patientensicherheit. Und kaum ein Thema zeigt so deutlich wie CAUTIs, wie eng Händehygiene, Prozessdisziplin und das bloße „Mitdenken“ miteinander verwoben sind.

Warum wir überhaupt noch darüber reden müssen

Man könnte meinen, im Jahr 2024 hätten wir das Thema im Griff. Haben wir aber nicht. Harnwegsinfektionen machen immer noch einen signifikanten Anteil aller im Krankenhaus erworbenen Infektionen aus – je nach Statistik liegen wir hier bei 20 bis 30 Prozent. Die überwältigende Mehrheit davon steht im direkten Zusammenhang mit einem Blasenkatheter.

Das Problem ist mechanisch und biologisch zugleich. Ein Katheter ist per Definition eine Autobahn für Bakterien. Sie überbrücken den natürlichen Schließmuskel, der sonst als Barriere dient. Bakterien können entlang der Außenwand des Katheters (extraluminal) oder durch das Innere (intraluminal) direkt in die Blase wandern. Und wenn Biofilme ins Spiel kommen – diese schleimigen Bakterienfestungen, die sich auf dem Fremdkörper bilden – haben Antibiotika oft das Nachsehen.

Was mich im Alltag oft ärgert, ist die Nonchalance, mit der Katheter gelegt werden. „Der Patient ist inkontinent und hat schon einen Dekubitus, legen wir lieber einen DK, damit die Wunde trocken bleibt.“ Das klingt fürsorglich, ist aber infektiologisch betrachtet oft eine Einladung für Keime. Es gibt Alternativen wie Kondomurinale oder engmaschiges Vorlagenwechseln, die zwar arbeitsintensiver sind, aber das Infektionsrisiko drastisch senken.

Der kritische Moment: Die Indikation

Bevor wir überhaupt über Desinfektion oder sterile Handschuhe sprechen, steht die Frage im Raum: Braucht dieser Mensch diesen Schlauch wirklich? Hier passieren die meisten Fehler, und zwar oft schon in der Notaufnahme. Einmal gelegt, wird der Katheter auf der Normalstation oft einfach „übernommen“. Er ist halt da.

Eine strenge Indikationsstellung ist die effektivste Einzelmaßnahme zur Vermeidbarkeit. Hier sind ein paar Punkte, die ich immer wieder predige:

  • Nur weil Sie die Bilanzierung „einfacher“ finden, ist das keine medizinische Indikation. Messen kann man auch anders, wenn der Patient kooperativ ist.
  • Ein chirurgischer Eingriff dauert länger als erwartet? Okay, Katheter rein. Aber warum ist er drei Tage später immer noch drin, wenn der Patient längst mobilisiert ist?
  • Bei Harnverhalt ist der Katheter natürlich notwendig – keine Frage. Aber auch hier gilt: Sobald die Obstruktion gelöst ist, muss evaluiert werden.

Wenn wir jeden Morgen bei der Visite nur eine Frage stellen würden – „Braucht Herr Müller den Blasenkatheter heute noch zwingend?“ – könnten wir die Raten an Katheter-assoziierten Harnwegsinfektionen sicher zweistellig senken. Ohne teure neue Technologie, nur mit Kommunikation.

Das „Hygienepaket“: Technik schlägt Zufall

Wenn die Indikation steht und der Katheter sein muss, dann muss das Legen so sauber wie eine Operation ablaufen. Ich sehe oft, dass das Legen eines DKs als „Nebenbei-Tätigkeit“ gesehen wird. Schnell mal zwischendurch. Das ist fatal.

In modernen Hygienekonzepten sprechen wir von „Bundles“ – also Maßnahmenbündeln. Man kann sich nicht nur einen Teil rauspicken. Es ist wie beim Auto: Wenn drei Reifen top sind und einer fehlt, fahren Sie trotzdem nicht. So sieht das beim Katheterisieren aus:

1. Händehygiene ist der Anfang von allem

Bevor irgendetwas angefasst wird: Händedesinfektion. Und zwar richtig. Nicht nur kurz benetzen, sondern die vollen 30 Sekunden Einwirkzeit nutzen, während Sie sich mental auf den Ablauf vorbereiten. Das HyHelp-System zeigt uns in Datenanalysen oft, dass gerade vor aseptischen Tätigkeiten die Compliance manchmal wackelt, weil der Fokus schon auf dem „Machen“ liegt und nicht mehr auf der Vorbereitung.

2. Schleimhautdesinfektion: Geduld ist eine Tugend

Jedes Desinfektionsmittel braucht Zeit. Sprühen und sofort wischen bringt gar nichts. Die Schleimhaut rund um die Harnröhrenöffnung muss satt benetzt sein und die vom Hersteller angegebene Einwirkzeit muss eingehalten werden. Ich stehe oft daneben und zähle innerlich mit. Es fühlt sich ewig an, wenn man unter Zeitdruck steht, aber diese Minute entscheidet darüber, ob wir Keime mit dem Katheter in die Blase schieben oder nicht.

3. Die Technik des Einführens

Hier scheiden sich die Geister und hier passieren die Pannen. Das „No-Touch“-Prinzip oder die Verwendung steriler Instrumente ist nicht verhandelbar. Wenn der Katheter beim Auspacken kurz das Bettlaken streift: Wegwerfen. Neuen nehmen. Ich weiß, das Budget drückt und niemand will Material verschwenden. Aber eine Urosepsis zu behandeln kostet das Krankenhaus das Tausendfache eines neuen Katheter-Sets. Seien Sie ehrlich zu sich selbst, wenn die Sterilität gebrochen wurde.

Pflege und Umgang: Wo die Keime lauern

Der Katheter lieget. Alles gut? Nein, jetzt beginnt der Marathon. Ein Katheter kann tage- oder wochenlang liegen, und jeden Tag gibt es Dutzende Möglichkeiten, Keime ins System zu bringen. Das geschlossene Drainagesystem ist hier unser bester Freund – vorausgesetzt, es bleibt geschlossen.

  • Diskonnektion ist der Feind. Wer den Katheterbeutel vom Schlauch trennt, um „schnell mal Urin zu holen“ oder weil der Beutel beim Patiententransport im Weg ist, öffnet das Tor zur Hölle. Das System muss geschlossen bleiben. Punkt. Zur Uringewinnung gibt es spezielle Entnahmestellen – und die müssen vorher desinfiziert werden!
  • Schwerkraft nutzen, Rückfluss verhindern. Der Urinbeutel gehört immer unter das Niveau der Blase. Immer. Wenn der Patient aufsteht und den Beutel wie eine Handtasche auf Blasenhöhe trägt, läuft alter, inkubierter Urin zurück. Das ist der fast garantierte Infekt.
  • Bodenkontakt vermeiden. Der Ablasshahn am Beutel darf nicht den Fußboden küssen. Auf dem Boden wimmelt es von resistenten Erregern. Wenn der Hahn den Boden berührt und wir ihn dann zum Entleeren anfassen, haben wir die Keime an den Händen – und beim nächsten Kontakt am Patienten.

Der „Faktor Mensch“ und die Händehygiene

Kommen wir zurück zu unserem Kernthema bei HyHelp. Warum ist Händehygiene bei liegenden Kathetern so kritisch? Weil der Katheterausgang eine Eintrittspforte ist, die wir ständig manipulieren. Wir leeren Beutel, wir fixieren Schläuche neu, wir waschen den Patienten im Intimbereich.

Unsere elektronischen Monitoringsysteme zeigen oft interessante Muster. Pflegekräfte desinfizieren sich häufig die Hände, nachdem sie mit Urinbeuteln hantiert haben – aus Selbstschutz und Ekelgefühl. Das ist verständlich und richtig. Aber die Desinfektion davor, bevor man das System anfasst, wird öfter vergessen. Dabei ist genau das der Moment, der den Patienten schützt.

Ein Katheter ist ein Fremdkörper. Das Immunsystem kämpft dort bereits. Wenn wir nun mit Händen, an denen vielleicht noch Keime vom Nachbarpatienten (Stichwort MRSA) kleben, am System hantieren, überfordern wir die lokalen Abwehrmechanismen.

Warum wir das alles tun: Der Blick auf die schweren Folgen

Manch einer mag denken: „Ach komm, eine Blasenentzündung. Dann gibt’s halt ein paar Tage Antibiotika und gut ist.“ Diese Einstellung ist gefährlich. Erstens haben wir ein massives Problem mit Antibiotikaresistenzen – wir sollten diese „Joker“ nicht für vermeidbare Infekte verschwenden. Zweitens bleibt es oft nicht bei der Blase.

Besonders bei älteren, immungeschwächten Patienten wandern die Keime die Harnleiter hoch zu den Nieren. Aus einer Zystitis wird eine Pyelonephritis. Und wenn die Erreger in die Blutbahn übergehen, sprechen wir von einer Urosepsis. Das ist ein lebensbedrohlicher Zustand. Wenn Sie sehen wollen, was das in Zahlen bedeutet, schauen Sie sich bitte unseren Beitrag über Sepsis Fallzahlen und Sterblichkeit an. Die Mortalitätsraten sind erschreckend, und zu wissen, dass der Ursprung oft ein vermeidbarer Katheterfehler war, macht es schwer erträglich.

Ein Plädoyer für Nervensägen

Wie senken wir also die Raten von Katheter-assoziierten Harnwegsinfektionen nachhaltig? Indem wir unbequem werden. Wir brauchen Pflegekräfte, die Ärzte fragen: „Kann der Katheter heute raus?“ Wir brauchen Ärzte, die bei der Anordnung dreimal überlegen, ob es nicht anders geht. Und wir brauchen eine Kultur, in der es okay ist, einen Kollegen zu stoppen, wenn er gerade unsteril arbeitet.

Technologie wie unsere Systeme bei HyHelp können unterstützen. Sie machen sichtbar, wo Lücken in der Händehygiene sind, und helfen durch Feedback, das Bewusstsein zu schärfen. Aber die eigentliche Arbeit passiert am Bett.

Ich erinnere mich an eine Station, auf der wir die CAUTI-Rate fast auf Null gedrückt haben. Das Geheimnis war kein teures neues Produkt. Es war eine Stationsleitung, die bei jedem Katheter, der länger als 48 Stunden lag, eine Begründung einforderte. Plötzlich wurden Katheter viel schneller gezogen. Und wo kein Katheter ist, gibt es auch keine katheter-assoziierte Infektion. So einfach ist das manchmal.

Bleiben Sie kritisch. Hinterfragen Sie Routine. Und desinfizieren Sie sich die Hände – nicht nur für sich, sondern für die da im Bett, die sich nicht wehren können.