Den Geruch kennen wir alle. Diese Mischung aus Bodenreiniger, Desinfektionsmittel und – wenn man ganz ehrlich ist – einem Hauch von Angst. Wer ins Krankenhaus muss, ob für eine geplante OP oder als Notfall, hat meistens schon genug Sorgen. Wird der Eingriff gut gehen? Wie lange falle ich bei der Arbeit aus? Aber seit einigen Jahren schiebt sich ein ganz anderer Gedanke bei vielen Patienten an die erste Stelle, oft noch vor der Angst um die eigentliche Diagnose: Fange ich mir hier etwas ein, das ich nicht mehr loswerde?
Ich spreche hier nicht von einer Erkältung. Ich rede von dem, was im Volksmund als „Krankenhauskeime“ die Runde macht. Und ganz konkret: Multiresistente Erreger (MRE). Wer schon einmal am Bett eines Angehörigen saß, der isoliert werden musste – gelber Kittel, Handschuhe, Mundschutz, das volle Programm –, der weiß, wie schnell aus dieser theoretischen Sorge eine beklemmende Realität wird.
Als jemand, der sich seit Jahren mit Hygiene-Compliance beschäftigt, kann ich Ihnen sagen: Diese Sorge ist nicht unbegründet, aber sie wird oft auch falsch verstanden. Lassen Sie uns mal tief eintauchen in das, was da auf den Stationen wirklich passiert, warum Patienten nachts wachliegen und – das ist der wichtigste Teil – was Kliniken (und wir alle) dagegen tun können.
Wenn der Rückzugsort zur Gefahrenzone wird
Es gibt da diese Umfragen, die Krankenkassen oder Gesundheitsmonitore regelmäßig durchführen. Die Ergebnisse sind für Krankenhausmanager oft ernüchternd. Fragen Sie die Leute, wovor sie im Klinikalltag am meisten Angst haben, landet „Ärztlicher Kunstfehler“ oft erst auf Platz zwei oder drei.
Unangefochten an der Spitze? Die Infektion mit einem multiresistenten Keim.
Das müssen wir uns mal auf der Zunge zergehen lassen. Die Menschen vertrauen dem Chirurgen, der sie aufschneidet, mehr als der Hygiene im Gebäude. Das Vertrauen in die medizinische Hightech-Versorgung ist da, aber das Vertrauen in die Basishygiene bröckelt. Warum ist das so?
Ein Grund ist sicher die Ohnmacht. Gegen einen Behandlungsfehler kann man klagen, aber ein Bakterium ist unsichtbar. Man sieht der Türklinke, dem Nachttisch oder der Hand der Pflegekraft nicht an, ob da gerade ein Colony Forming Unit (CFU) von MRSA draufsitzt. Diese Unsichtbarkeit macht Angst. Dazu kommt die mediale Berichterstattung. Wenn es in den Nachrichten heißt „Ausbruch auf der Intensivstation“, brennt sich das ein.
Was sind diese „Superbugs“ eigentlich genau?
Bevor wir über Lösungen reden, müssen wir den Feind kennen. Ich erlebe oft, dass alles in einen Topf geworfen wird. Aber „Multiresistent“ heißt erst einmal nur: Die üblichen Waffen stumpfen ab. Antibiotika, die Jahrzehnte lang unsere Lebensversicherung waren, prallen an diesen Bakterien ab wie Papierkugeln an einem Panzer.
Auf den Stationen begegnen mir meistens diese Kandidaten:
- Da ist natürlich der MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus). Der „Klassiker“. Staphylococcus aureus tragen viele von uns ganz friedlich in der Nase oder auf der Haut. Gefährlich wird er erst, wenn er in eine Wunde gelangt und gegen Methicillin und Co. immun ist.
- Dann haben wir die VRE (Vancomycin-resistente Enterokokken). Die sind hartnäckig. Enterokokken gehören eigentlich in unseren Darm, da sind sie nützlich. Aber wehe, sie entwickeln Resistenzen und wandern dorthin, wo sie nicht hingehören, etwa in die Blutbahn.
- Richtig ungemütlich wird es bei den MRGN (Multiresistente gramnegative Erreger). Hier unterscheiden wir oft, gegen wie viele Antibiotikagruppen sie resistent sind (3MRGN oder 4MRGN). Wenn ein 4MRGN auftaucht, wird es in der Antibiotika-Apotheke plötzlich verdammt leer. Da bleiben oft nur noch Reserveantibiotika übrig, die starke Nebenwirkungen haben können.
Das Tückische daran: Diese Erreger fliegen nicht durch die Luft wie Grippeviren (in den meisten Fällen jedenfalls nicht). Sie sind „Kontaktkeime“. Sie reisen per Anhalter. Und ihr liebstes Transportmittel sind leider unsere Hände.
Das Compliance-Problem: 30 Sekunden sind eine Ewigkeit
Jetzt kommen wir zum Kern des Problems, und da muss ich auch mal eine Lanze für das Personal brechen, auch wenn ich beruflich oft den Finger in die Wunde lege. Niemand im Krankenhaus will Patienten krank machen. Wirklich niemand.
Aber der Alltag auf einer deutschen Station ist – gelinde gesagt – sportlich. Da klingelt es in Zimmer 104, weil die Infusion durch ist, in 105 muss jemand zur Toilette, und das Telefon am Stützpunkt bimmelt auch. Dazwischen: Händedesinfektion.
Die reine Theorie sagt: Vor jedem Patientenkontakt, vor aseptischen Tätigkeiten, nach Kontakt mit potentiell infektiösem Material… Sie kennen die „5 Momente der Händehygiene“ der WHO vielleicht. In der Praxis bedeutet das oft 50, 60, manchmal 100 Desinfektionen pro Schicht. Und zwar richtig: Einwirkzeit beachten, Benetzungslücken vermeiden. 30 Sekunden verreiben.
Stoppen Sie mal jetzt 30 Sekunden mit Ihrer Uhr. Warten Sie.
Merken Sie was? Es ist verdammt lang. Wenn Stress herrscht, werden aus 30 Sekunden schnell mal 10. Oder die Desinfektion fällt ganz weg, weil man „nur kurz“ das Tablett abstellt. Und genau in dieser Lücke schlüpft der Erreger durch.
Wie Kliniken das Vertrauen zurückgewinnen
Patienten spüren diesen Stress. Sie sehen, wenn der Arzt nur kurz reinhuscht, auf die Bettkante fasst und wieder geht, ohne den Spender an der Wand benutzt zu haben. Das erzeugt dieses unsichere Gefühl.
Die Lösung kann nicht sein, einfach mehr Schilder aufzuhängen. „Hände waschen nicht vergessen“ liest nach zwei Tagen keiner mehr. Wir brauchen Systeme, die Sicherheit messbar machen. Kliniken, die das Thema ernst nehmen, setzen heute nicht mehr auf Strichlisten oder den prüfenden Blick der Oberschwester einmal im Monat.
Moderne Ansätze arbeiten mit Feedback. Wir müssen die Hygiene sichtbar machen. Stellen Sie sich vor, das Personal bekommt eine direkte Rückmeldung – ein kleines Signal, ein Blinken am Namensschild –, wenn die Händehygiene korrekt durchgeführt wurde. Das schafft zwei Dinge:
- Das Personal wird im stressigen Alltag „gestupst“ (Nudging nennen das die Psychologen). Es ist keine Kontrolle von oben, sondern eine Hilfestellung im Workflow.
- Der Patient sieht: Aha, hier wird Technik eingesetzt, um meine Sicherheit zu garantieren. Das ist ein gewaltiger psychologischer Faktor.
Es geht darum, die „Black Box“ Hygiene zu öffnen. Wenn wir zum Beispiel über elektronische Hygiene-Monitoring-Systeme sprechen, dann meine ich genau solche Technologien. Systeme, die nicht nur zählen, wie viel Desinfektionsmittel verbraucht wurde, sondern die genau erfassen, wann und wo desinfiziert wurde – und diese Daten nutzen, um Schulungen direkt dort anzusetzen, wo es hakt.
Screening ist die halbe Miete
Ein weiterer Punkt, der Patienten beruhigen sollte (wenn er denn kommuniziert wird): Das Aufnahmescreening. Viele Kliniken gehen dazu über, Risikopatienten schon an der Tür zu testen. Ein kurzer Abstrich aus Nase oder Rachen, und man weiß: Bringt der Patient den „Keim“ vielleicht schon mit?
Das ist nämlich eine Wahrheit, die selten ausgesprochen wird: Viele MRE-Infektionen sind gar keine Übertragungen durch andere. Der Patient bringt seinen eigenen resistenten Keim auf der Haut mit ins Krankenhaus. Solange er gesund zu Hause sitzt, passiert nichts. Aber nach einer OP, wenn das Immunsystem im Keller ist und Wunden da sind, nutzt der eigene Keim die Chance. Wenn die Klinik das vorher weiß, kann sie Schutzmaßnahmen ergreifen – zum Wohle des Patienten und der Zimmernachbarn.
Was Sie als Patient tun können (ohne Panik)
Ich werde oft gefragt: „Soll ich im Krankenhaus Handschuhe tragen? Soll ich mein eigenes Desinfektionsmittel mitbringen?“
Ganz ehrlich? Lassen Sie die Handschuhe weg. Die geben oft nur ein falsches Sicherheitsgefühl und man wäscht sich die Hände seltener. Aber es gibt Dinge, die Sie tun können, um sich aktiver und weniger ausgeliefert zu fühlen:
- Trauen Sie sich, Fragen zu stellen. Wenn ein Arzt zur Visite kommt und Sie nicht gesehen haben, dass er sich die Hände desinfiziert hat, fragen Sie freundlich nach: „Haben Sie an die Händedesinfektion gedacht? Ich mache mir da etwas Sorgen.“ Das kostet Überwindung, ja. Aber es ist Ihr Körper. Gute Ärzte nehmen Ihnen das nicht übel, sondern schätzen das Sicherheitsbewusstsein.
- Die eigenen Hände sind genauso wichtig. Vor dem Essen, nach der Toilette und – ganz wichtig – wenn Sie das Zimmer verlassen oder wieder reinkommen. Die Spender hängen da nicht nur für das Personal. Nutzen Sie sie.
- Achten Sie auf Besucher. Oma Erna meint es gut, wenn sie sich auf das Bett setzt, aber Straßenschuhe und ungewaschene Hände haben im direkten Patientenbett nichts zu suchen. Ein Stuhl ist besser.
Fazit: Transparenz ist das beste Desinfektionsmittel
Die Sorge vor multiresistenten Erregern ist real und sie ist berechtigt. Wir haben es mit Gegnern zu tun, die sich extrem schnell anpassen. Aber wir sind nicht wehrlos.
Krankenhäuser verwandeln sich langsam. Weg von der „Götter in Weiß“-Mentalität, wo Fehler vertuscht werden, hin zu einer Sicherheitskultur, in der Technologie und Transparenz regieren. Elektronische Überwachungssysteme, konsequentes Screening und eine offene Kommunikation sind die Werkzeuge, mit denen wir diese Sorge bekämpfen.
Wenn Patienten sehen, dass Hygiene nicht nur ein Poster an der Wand ist, sondern durch intelligente Systeme im Klinikalltag lebt, dann kehrt auch das Vertrauen zurück. Und genau dieses Vertrauen ist für den Heilungsprozess fast genauso wichtig wie das richtige Antibiotikum.