Reserveantibiotikum Colistin gefährdet: Resistenzgen mcr-1 auf dem Vormarsch

Es gibt Momente in der klinischen Infektiologie, da läuft es einem eiskalt den Rücken herunter. Nicht, weil ein Patient eine exotische Krankheit aus den Tropen mitgebracht hat, sondern weil das Labor anruft und sagt: „Wir haben hier etwas, das wächst einfach weiter. Egal, was wir draufwerfen.“

Lange Zeit war das „Reserveantibiotikum Colistin“ unser Ass im Ärmel. Das Mittel, das wir aus dem Giftschrank holen, wenn die modernen Carbapeneme versagen. Wenn nichts mehr geht, ging Colistin. Zumindest dachten wir das. Aber die Biologie schläft nicht. Mit dem Auftauchen und der rasanten Verbreitung des Resistenzgens mcr-1 hat sich das Spielfeld grundlegend verändert. Ich möchte Ihnen hier – ganz ohne Umschweife und Fachchinesisch – erklären, warum das eine echte Katastrophe für unsere Intensivstationen ist und warum Hygiene-Monitoring, wie wir es bei HyHelp propagieren, plötzlich nicht mehr nur „Qualitätsmanagement“, sondern reine Überlebensstrategie ist.

Wenn das letzte Mittel versagt

Stellen Sie sich vor, Sie stehen mit dem Rücken zur Wand. Ein schwerstkranker Patient, septisch, Multiorganversagen droht. Die Blutkultur zeigt gramnegative Stäbchen. Früher hätten wir gesagt: „Kein Problem, da nehmen wir ein Breitspektrum-Antibiotikum.“ Aber heute? Heute sehen wir immer öfter Erreger, die über das gesamte Arsenal nur lachen.

Wir reden hier über multiresistente gramnegative Bakterien (MRGN). Wenn diese Bister gegen 3 oder 4 Antibiotikagruppen resistent sind (3MRGN oder 4MRGN), wird die Luft dünn. Ganz dünn. Und genau hier kam in den letzten Jahren Colistin wieder ins Spiel. Es war unsere Versicherungspolice gegen den totalen medizinischen Bankrott.

Was zum Teufel ist eigentlich Colistin?

Um die Ironie der Geschichte zu verstehen, müssen wir kurz zurückblicken. Colistin (auch Polymyxin E genannt) ist kein neues Wundermittel aus den High-Tech-Laboren von 2024. Im Gegenteil, das Zeug ist uralt. Es wurde schon in den 1940ern entdeckt und in den 50ern eingesetzt.

Warum es trotzdem kaum einer kannte? Weil es ein „schmutziges“ Medikament ist. Ehrlich gesagt: Es ist ein Nierenkiller.

In meiner Anfangszeit als Arzt haben wir Colistin gemieden wie der Teufel das Weihwasser. Wir wussten: Wenn wir das geben, riskieren wir akutes Nierenversagen und Neurotoxizität (Nervenschäden). Es war einfach zu toxisch im Vergleich zu den damals neuen, verträglichen Antibiotika. Also verschwand es in der Versenkung.

Die Renaissance von Colistin begann erst, als uns bei Klebsiella pneumoniae und Pseudomonas aeruginosa die Optionen ausgingen. Plötzlich war die Nierenschädigung das kleinere Übel im Vergleich zum Tod durch Sepsis. Wir haben gelernt, es vorsichtiger zu dosieren, aber es bleibt ein Tanz auf der Rasierklinge. Und jetzt stellen Sie sich vor: Selbst dieses toxische Urgestein, unsere „Ultima Ratio“, beginnt zu wackeln.

Der Schockmoment: Das Gen mcr-1 betritt die Bühne

Bis vor ein paar Jahren dachten wir, Resistenz gegen Colistin sei zwar möglich, aber selten und – das ist der entscheidende Punkt – chromosomal bedingt. Das heißt: Ein Bakterium mutiert zufällig, wird resistent, und gibt diese Eigenschaft nur an seine direkten Nachkommen weiter. Die Ausbreitung ist langsam. Man kann so einen Ausbruch meist gut eingrenzen.

Dann kam der November 2015. Eine Studie aus China (Liu et al. in The Lancet Infectious Diseases) schlug ein wie eine Bombe. Die Forscher fanden einen Resistenzmechanismus, der nicht fest im Chromosom verankert war, sondern auf einem Plasmid saß. Sie nannten das Gen mcr-1 (mobile colistin resistance).

Falls Sie kein Mikrobiologe sind, hier der Grund, warum uns bei dem Wort „Plasmid“ der Schweiß ausbricht:

  • Plasmide sind kleine, reisende DNA-Ringe, die Bakterien untereinander austauschen können wie Visitenkarten.
  • Dieser Tausch funktioniert nicht nur von Mutter zu Tochter, sondern horizontal – also von Nachbar zu Nachbar.
  • Das Beängstigende ist die Artgrenze: Ein harmloses Darmbakterium kann das Rüstzeug gegen unser stärkstes Antibiotikum an einen hochgefährlichen Killerkeim wie Klebsiella weitergeben. Einfach so, bei einem „Händedruck“ im Darm oder im Abflussrohr.
  • Die Verbreitungsgeschwindigkeit ist bei Plasmiden exponentiell höher als bei chromosomaler Vererbung.

Das war der Kipppunkt. Die Resistenz war nun „mobil“.

Von der Schweinemast auf die Intensivstation

Man muss hier auch mal politisch werden, denn Bakterien kümmern sich nicht um Sektorengrenzen. Woher kommt mcr-1? Es ist kein Zufall, dass es zuerst in Nutztierebeständen gefunden wurde. In der Landwirtschaft, speziell in der Schweine- und Geflügelmast, wurde Colistin tonnenweise eingesetzt. Nicht um einzelne kranke Tiere zu heilen, sondern oft metaphylaktisch – also für die ganze Herde, wenn einer hustet – oder früher sogar als Leistungsförderer.

Das billige, alte Antibiotikum war perfekt für den Stall. Jahrelang haben wir Mediziner gewarnt: „Leute, wenn ihr unser letztes Reserveantibiotikum ins Futter mischt, züchten wir uns ein Monster.“ Genau das ist passiert.

Über die Nahrungskette, das Abwasser und die Gülle gelangten diese mcr-1-positiven Keime in die Umwelt und schließlich zum Menschen. Ich habe Patienten gesehen, die noch nie im Krankenhaus waren, aber deren Darmflora resistete Keime aufwies, weil sie vermutlich kontaminiertes Fleisch gegessen haben oder einfach Teil des globalen Ökosystems sind.

Was bedeutet das für den klinischen Alltag?

Lassen Sie uns Klartext reden: Wenn ich auf der Station stehe und der Laborbefund „Colistin-resistent“ aufleuchtet, spüre ich eine echte Ohnmacht.

Der Wirkmechanismus von Colistin ist eigentlich recht simpel: Es greift die äußere Membran gramnegativer Bakterien an. Es wirkt wie ein Detergens, also wie Spülmittel, und löst die Hülle auf. Das Bakterium platzt. Das mcr-1-Gen produziert nun ein Enzym (eine Phosphoethanolamin-Transferase), das die Zielstruktur an der Bakterienoberfläche chemisch so verändert, dass das Colistin nicht mehr andocken kann. Es prallt einfach ab.

Die klinischen Konsequenzen sind brutal:

  • Wir müssen auf Kombinationstherapien hoffen, die eher experimentell sind. Oft mischen wir zwei oder drei Mittel, die einzeln nicht wirken, in der Hoffnung auf einen Synergieeffekt.
  • Die Liegezeiten explodieren. Patienten, die wir früher in einer Woche stabilisiert hätten, liegen wochenlang isoliert.
  • Die psychische Belastung für das Personal und die Angehörigen ist enorm. Schutzkleidung, strikte Isolation, die Angst, den Keim zum nächsten Patienten zu tragen.

Wer sich für die wissenschaftlichen Hintergründe interessiert und verstehen will, wie wir versuchen, diesen Mechanismen auf die Schliche zu kommen, dem empfehle ich dringend einen Blick auf unsere Zusammenfassung über neue Erkenntnisse aus der Resistenzforschung. Da gehen wir tiefer in die molekularen Details.

Das „Pan-Drug-Resistance“ Szenario

Es gibt einen Begriff, den wir nur flüsternd verwenden: PDR – Pan Drug Resistance. Resistenz gegen ALLES. Wenn ein Keim Carbapanemasen (wie NDM-1 oder KPC) besitzt, die ihn gegen fast alle Beta-Laktame immun machen, und sich dann noch über ein Plasmid das mcr-1-Gen für die Colistin-Resistenz holt, stehen wir vor dem Nichts.

Das ist keine Science-Fiction. Solche Isolate wurden bereits weltweit gefunden, auch in Deutschland. Wir sind dann therapeutisch im Prinzip wieder im Jahr 1920 angekommen, vor der Entdeckung des Penicillins. Wir können nur noch supportiv behandeln: Kreislauf stützen, Organersatzverfahren, hoffen. Mehr nicht.

Hygiene als unsere einzige echte Waffe

Und hier schließt sich der Kreis zu dem, was wir bei HyHelp eigentlich gemacht haben. Warum haben wir so besessen an elektronischen Systemen zur Händehygieneüberwachung gearbeitet? Nicht, weil wir Technik-Nerds sind oder Spion spielen wollten.

Sondern weil in einer Welt, in der die Antibiotika versagen, die Vermeidung der Übertragung die einzige Medizin ist, die zu 100 % wirkt. Einen Keim, den der Patient gar nicht erst bekommt, muss ich nicht mit giftigem Colistin behandeln.

Wenn ein Arzt oder eine Pflegekraft vom Zimmer eines Patienten mit einem mcr-1-Keim kommt und sich die Hände nicht korrekt desinfiziert – also nicht die vollen 30 Sekunden, nicht die Fingerkuppen, nicht den Daumen – dann trägt er diese biologische Zeitbombe zum nächsten Bett. Da nützen uns auch die klügsten Diagnosen nichts mehr.

  • Technologie hilft uns, die „blinden Flecken“ zu sehen. Wir denken oft, wir arbeiten hygienisch, aber die Daten zeigen oft etwas anderes.
  • Feedback-Systeme erhöhen die Compliance nachweislich. Ich habe erlebt, wie Stationen ihre Desinfektionsraten verdoppelt haben, nur weil sie objektives Feedback bekamen.
  • Bei einem Ausbruch mit multiresistenten Erregern ist lückenloses Contact-Tracing und Hygiene-Compliance wichtiger als jedes Medikament im Schrank.

Ein Fazit ohne Zuckerguss

Das Reserveantibiotikum Colistin ist angezählt. Das mcr-1 Gen ist in der Welt und wir werden es nicht mehr zurück in die Flasche bekommen. Die Illusion, dass die Pharmaindustrie alle paar Jahre eine neue Wunderpille liefert, ist genau das: eine Illusion. Die Pipelines sind leerer, als uns lieb ist.

Wir müssen lernen, mit dem Vorhandenen hauszuhalten (Antibiotic Stewardship) und endlich begreifen, dass Hygiene kein lästiges Übel ist. Es ist unser Schutzschild. Ohne funktionierende Basishygiene und strikte Überwachung sind wir den Bakterien hoffnungslos unterlegen. Sie sind mehr, sie sind älter, und sie passen sich schneller an. Aber wir haben (hoffentlich) den Verstand, unsere Hände zu benutzen – am besten mit Desinfektionsmittel.