Moment mal – wie lange rubbeln Sie eigentlich schon?
Es riecht nach Propanol, die Lüftung im Waschraum rauscht, und der Blick geht zur Uhr. Oder schlimmer: Der Blick geht eben nicht zur Uhr, und man schätzt einfach mal. „Passt schon, waren bestimmt drei Minuten“, denkt man sich, während man hastig in den OP-Saal eilt. Hand aufs Herz: Genau das ist der Moment, in dem Hygiene scheitert.
Ich sehe das ständig. Egal ob junger Assistenzarzt oder der alte Hase, der „schon operiert hat, als Handschuhe noch Luxus waren“ – bei der chirurgischen Händedesinfektion wird geschludert. Nicht aus Böswilligkeit, sondern oft aus reiner Routineblindheit. Dabei ist der Unterschied zwischen der schnellen Desinfektion auf Station und dem Ritual vor dem Eingriff gewaltig. Es geht hier nicht nur um Sauberkeit. Es geht darum, ob der Patient post-OP eine Wundinfektion entwickelt oder nicht.
Lassen Sie uns das mal ohne Lehrbuch-Floskeln aufdröseln. Was müssen wir wirklich tun, um die Keimlast so zu drücken, dass wir sicher arbeiten können?
Der Elefant im Raum: Hygienisch vs. Chirurgisch
Viele werfen das in einen Topf. Da wird auf Station mal eben 30 Sekunden eingerieben und man fühlt sich sicher. Aber physikalisch und mikrobiologisch sind das zwei völlig verschiedene Baustellen.
Die hygienische Händedesinfektion ist Ihr tägliches Brot. Sie machen das (hoffentlich) zigmal am Tag. Patientenkontakt, Visite, Verbandswechsel. Das Ziel hier ist simpel: Wir wollen die sogenannte transiente Flora abtöten. Das sind die Keime, die Sie „aufgelesen“ haben – MRSA vom Türgriff, E. Coli vom Bettgestell. Die sitzen locker obenauf. Einmal ordentlich Desinfektionsmittel drüber (30 Sekunden, satt benetzt), und die Sache ist erledigt.
Bei der chirurgischen Händedesinfektion greifen wir tiefer an. Hier wollen wir der residenten Hautflora an den Kragen. Das sind die Mikroorganismen, die fest auf Ihrer Haut leben, in den Poren nisten und eigentlich zu Ihnen gehören. Die kriegen Sie nie ganz weg (was auch gut so ist, sonst hätten Sie Hautprobleme), aber vor einer OP müssen wir die Anzahl drastisch reduzieren.
Warum? Weil OP-Handschuhe nicht unfehlbar sind. Studien zeigen, dass ein erheblicher Prozentsatz der Handschuhe nach längeren OPs Mikrolöcher aufweist. Wenn dann Ihre residenten Keime durch den Schweißsaft aus dem Handschuh in das sterile Situs suppen, haben wir ein Problem. Deshalb reicht „kurz mal drüberwischen“ hier nicht.
Der Mythos von der Bürste (und warum Sie sie weglegen sollten)
Ich erinnere mich noch an Oberärzte, die ihre Arme geschrubbt haben, bis sie rot und fast wund waren. Man dachte: Viel hilft viel. Heute wissen wir: Das ist Quatsch, und sogar gefährlich.
Wenn Sie Ihre Haut mit harten Bürsten traktieren, erzeugen Sie Mikroläsionen. Winzige Risse in der Epidermis. Wissen Sie, wer sich darüber freut? Bakterien. Die setzen sich da rein und lassen sich auch vom besten Alkohol nicht mehr vertreiben.
- Benutzen Sie Bürsten nur noch, wenn Ihre Fingernägel wirklich sichtbar dreckig sind.
- Und selbst dann: Nur die Nägel bürsten, niemals – ich wiederhole: niemals – die Unterarme oder Handrücken schrubben.
- Verwenden Sie stattdessen weiche Kunststoffnagelreiniger, falls verfügbar.
Die moderne Chirurgie setzt auf Chemie, nicht auf Mechanik.
Der Ablauf: Ein Drehbuch in 3 Akten
Bevor Sie überhaupt an den Spender greifen, checken Sie die Basics. Fingernägel kurz? Kein Nagellack? Keine Uhren, keine Ringe? Eheringe sind hier übrigens keine Ausnahme, auch wenn das manche emotional nicht wahrhaben wollen. Unter dem Goldring feiert Staphylococcus aureus regelmäßig Party.
Akt 1: Die Waschung (Nur bei Dienstbeginn!)
Viele denken, sie müssen sich vor jeder Desinfektion die Hände waschen. Falsch. Wasser und Seife schädigen den Säureschutzmantel der Haut. Wenn Sie dann Alkohol draufkippen, brennt es und die Haut trocknet aus. Rissige Haut lässt sich kaum desinfizieren.
Waschen Sie die Hände nur, wenn sie sichtbar verschmutzt sind oder zu Beginn des OP-Tages, um Sporen (die Alkohol nicht killt) loszuwerden. Danach: Trocknen. Richtig trocken. Nicht feucht. Wenn noch Wasser auf der Haut ist, verdünnen Sie das Desinfektionsmittel, und die Wirksamkeit rauscht in den Keller.
Akt 2: Die Einwirkzeit – Der Blick auf die Uhr
Früher galten 5 Minuten als Standard. Das macht heute kaum noch jemand, und die Produkte geben es auch anders her. Die meisten modernen alkoholischen Präparate verlangen eine Einwirkzeit von 1,5 bis 3 Minuten.
Aber Achtung: Lesen Sie das Etikett. Es gibt Präparate, die brauchen zwingend 3 Minuten. Andere schaffen es in 90 Sekunden. Wenn Sie das 90-Sekunden-Mittel 3 Minuten lang nutzen, ist das okay (Zeitverschwendung, aber sicher). Andersrum ist es fatal.
Mehr Details zu den offiziellen Zeitvorgaben finden Sie oft direkt in den RKI-Richtlinien zur Händehygiene, die wir hier für den klinischen Alltag aufbereitet haben.
Akt 3: Die Technik – Von den Ellbogen zur Kuppe
Das Ziel ist, die Hände permanent nass zu halten. „Keep it wet“. Wenn die Hände nach einer Minute trocken sind, haben Sie zu wenig Mittel genommen. Nehmen Sie nach. Immer wieder aus dem Ellbogenspender nachpumpen.
Der Ablauf folgt einer Pyramide:
- Starten Sie mit der vollen Fläche: Hände, Handgelenke, Unterarme – bis hoch zum Ellbogen. Alles muss satt benetzt sein.
- Nach etwa einem Drittel der Zeit beschränken Sie sich auf Hände und Unterarme (ohne Ellbogen).
- Im letzten Drittel: Konzentration nur noch auf die Hände und Handgelenke.
Warum diese Reihenfolge? Sie wollen nicht die Keime vom Ellbogen (die „dreckigste“ Stelle in diesem Szenario) wieder nach unten auf Ihre fast sterilen Fingerspitzen spülen. Wir arbeiten von „unrein“ zu „rein“.
Häufige Fehler (Die „Klassiker“ im Waschraum)
Im Stress des OP-Alltags schleichen sich Fehler ein. Hier sind die Dinge, bei denen ich regelmäßig dazwischengehen muss:
Das Nachtrocknen bei Unruhe
Der Operateur schreit schon aus dem Saal, man wird nervös. Die Hände sind noch klatschnass vom Desinfektionsmittel. Was passiert? Manche wedeln mit den Händen in der Luft (sinnlos, aber harmlos) oder greifen zum sterilen Handtuch, um den Alkohol „abzutrocknen“.
Lassen Sie das. Das Mittel muss auf der Haut trocknen, um den Film zu bilden. In nasse Handschuhe zu schlüpfen ist sowieso eine Qual und erhöht das Risiko von Hautirritationen massiv. Geduld ist hier Hygienerettung.
Die „Wasserhahn-Falle“
Sie sind fertig, Hände sind sauber. Sie drehen sich um… und stützen sich kurz am Wasserhahn oder Waschbeckenrand ab. Kontamination erfolgt. Sie müssen von vorne anfangen. Komplett. Das ist frustrierend, aber alternativlos.
Zu sparsam mit dem Mittel
Eine hohle Hand voll reicht nicht für 3 Minuten. Sie müssen mehrfach nachnehmen. Ein Spender, der nicht richtig eingestellt ist und nur Tröpfchen hustet, ist sabotierte Hygiene. Wir haben bei HyHelp oft gesehen, dass die Compliance technisch perfekt war (der Spender wurde benutzt), aber die Menge einfach viel zu gering war.
Ein Wort zur Compliance
Wir wissen alle, dass Papier geduldig ist. In Hygieneplänen steht „3 Minuten“, in der Realität sind es oft nur 45 Sekunden, weil der Schnitt gemacht werden muss. Systeme zur elektronischen Überwachung sind deshalb nicht dazu da, Personal zu gängeln. Sie sind ein Spiegel.
Wenn wir messen, wie oft und wie lange Spender betätigt werden, sehen wir oft erst, wo die logistischen Probleme liegen. Steht der Spender zu weit weg? Ist das Mittel leer? Ist der Zeitdruck zwischen den Wechselzeiten unrealistisch geplant?
Eine korrekte chirurgische Händedesinfektion ist kein Hexenwerk, aber sie erfordert Disziplin. Es sind diese drei Minuten Ruhe vor dem Sturm. Nutzen Sie die Zeit. Atmen Sie durch. Gehen Sie den ersten Schnitt im Kopf durch. Und rubbeln Sie, bis die Zeit wirklich rum ist. Ihr Patient wird es Ihnen danken, auch wenn er davon nichts mitbekommt.