Häufig werde ich gefragt: „Ist Desinfektion nicht gleich Desinfektion? Hauptsache der Spender wird gedrückt.“ Die kurze Antwort: Absolut nicht. Wer die hygienische Händedesinfektion mit der chirurgischen in einen Topf wirft, spielt im Krankenhausalltag mit dem Feuer – oder besser gesagt, mit postoperativen Wundinfektionen.
Es ist ein bisschen wie der Unterschied zwischen einem schnellen Boxenstopp in der Formel 1 und einer kompletten Motorrevision. Beides hat mit Technik zu tun, aber Zielsetzung, Dauer und Gründlichkeit liegen Welten auseinander. Gerade bei HyHelp.de haben wir uns jahrelang die Zähne daran ausgebissen, wie man Compliance nicht nur misst, sondern auch versteht. Elektronische Monitoringsysteme zeigen uns knallhart: Die Verwirrung beginnt oft schon bei den Grundlagen.
Schauen wir uns also an, wo die Trennlinie wirklich verläuft, warum man im OP keine Bürsten mehr benutzt (ja, wirklich!) und warum 30 Sekunden manchmal länger sind, als man denkt.
Die hygienische Händedesinfektion: Das tägliche Brot
Das ist das, was auf den Stationen passiert. Oder passieren sollte. Tausendfach am Tag. Wenn wir von der hygienischen Händedesinfektion sprechen, reden wir von der Routine, dem Standardverfahren nach DIN EN 1500. Hier geht es um Schnelligkeit und Frequenz.
Dabei ist das Ziel ganz pragmatisch: Wir wollen die sogenannte transiente Hautflora eliminieren. Das sind die Keime, die Sie „per Anhalter“ mitnehmen – wenn Sie den Patienten umlagern, den Nachttisch berühren oder die Türklinke anfassen. Diese Keime gehören nicht zu Ihnen, sie sitzen locker oben auf der Haut und warten nur auf die nächste Gelegenheit, auf einen immungeschwächten Patienten überzuspringen.
Der Ablauf (und wo es meistens hakt)
In der Theorie klingt es simpel: Hände wölben, Desinfektionsmittel rein, verreiben. In der Praxis sehe ich aber ständig die klassischen „Benetzungslücken“. Da wird wild gerubbelt, aber die kritischen Stellen bleiben trocken.
Ein paar Dinge, die wir aus den Daten unserer Monitoringsysteme gelernt haben:
- Die Menge ist oft zu gering. Viele Spender sind so eingestellt, dass sie nur 1,5 ml pro Hub ausgeben. Für eine effektive Benetzung brauchen Sie aber eine hohle Hand voll – das sind meist eher 3 ml oder mehr. Wenn die Hände nach 15 Sekunden schon trocken sind, war es zu wenig. Punkt.
- Der Daumen ist das Stiefkind der Handhygiene. Er wird beim bloßen Aneinanderreiben der Handflächen oft komplett ignoriert. Man muss ihn aktiv umschließen und bearbeiten.
- Ringe und Uhren sind absolute Keimfänger. Unter einem Ehering sammeln sich Bakterien wie Touristen am Strand. Eigentlich ist Schmuck an Händen und Unterarmen tabu, aber die Realität auf den Stationen sieht leider oft anders aus.
Die Einwirkzeit beträgt hier fast immer 30 Sekunden (es sei denn, Sie haben es mit speziellen Erregern wie Noroviren zu tun und nutzen ein Präparat, das länger braucht – immer auf das Etikett schauen!). In diesen 30 Sekunden muss die Haut durchgehend feucht gehalten werden.
Die chirurgische Händedesinfektion: Der Schutzwall für den OP
Jetzt schalten wir einen Gang hoch. Wenn die hygienische Desinfektion der Sprint ist, ist die chirurgische der Marathon. Hier reicht es nicht, nur die Anflugkeime (transiente Flora) zu töten. Wir wollen an die residente Hautflora – also die Keime, die natürlicherweise in den tieferen Schichten Ihrer Haut leben.
Warum? Weil OP-Handschuhe nicht unfehlbar sind. Wahrscheinlich wussten Sie das schon, aber bis zu einem beachtlichen Prozentsatz aller OP-Handschuhe weisen nach längeren Eingriffen Mikroperforationen auf. Winzige Löcher, die man mit bloßem Auge nicht sieht. Wenn dann der Schweiß (samt Bakterien aus den tieferen Hautschichten) durch den Handschuh in die offene Wunde tropft, haben wir ein massives Sepsis-Risiko.
Die chirurgische Desinfektion nach DIN EN 12791 hat deshalb das Ziel, die Keimzahl auf der Hand so massiv zu reduzieren, dass selbst bei einem Handschuhdefekt kaum Erreger austreten können. Man nennt das oft den „Remanenzeffekt“ – die Wirkung muss über den Zeitraum der Operation anhalten.
Mythos Waschbürste: Bitte wegwerfen
Ich erinnere mich noch an alte Filme oder Erzählungen von Chirurgen, die sich die Hände blutig geschrubbt haben. „Viel hilft viel“, dachte man. Heute wissen wir: Das ist Wahnsinn. Eine harte Bürste verursacht Mikroverletzungen auf der Haut. Und was passiert in kleinen Wunden? Bakterien fühlen sich dort pudelwohl und lassen sich kaum mehr wegdesinfizieren.
In der modernen Hygiene gilt daher:
- Gewaschen wird nur bei Dienstbeginn oder sichtbarer Verschmutzung. Das Waschen ist nicht Teil der eigentlichen Desinfektionsprozedur direkt vor der OP, weil Seifenreste die Wirksamkeit des Alkohols beeinträchtigen können.
- Bürsten benutzt man, wenn überhaupt, nur noch für die Fingernägel, und zwar steril und weich. Die Haut bleibt bürstenfrei.
- Der Bereich ist viel größer: Wir desinfizieren hier nicht nur die Hände, sondern auch die Unterarme bis zum Ellbogen.
Zeitfaktor: Keine 10 Minuten mehr
Früher stand man ewig am Waschbecken. Glücklicherweise sind moderne alkoholische Präparate effizienter. Die früher üblichen 5 oder sogar 10 Minuten sind bei den meisten modernen Mitteln Geschichte. Heute liegen wir oft bei 1,5 bis 3 Minuten Einwirkzeit. Das spart nicht nur Zeit im stressigen OP-Plan, sondern schont auch die Haut. Denn Alkohol entfettet, und je länger die Exposition, desto stressiger für die Hautbarriere.
Der direkte Vergleich: Wo liegen die Unterschiede?
Lassen wir das Lehrbuchgerede mal beiseite und schauen auf die harten Fakten, die im Klinikalltag entscheiden.
Das Zielgebiet ist nicht dasselbe.
Bei der hygienischen Variante konzentrieren wir uns ausschließlich auf die Hände. Handgelenke sind das Maximum. Bei der chirurgischen Desinfektion müssen Hände und Unterarme (bis zum Ellbogen) vollständig benetzt werden. Man arbeitet sich dabei immer von den Fingerspitzen zu den Ellbogen vor – niemals zurück, um die sauberen Fingerspitzen nicht wieder mit Keimen vom Ellbogen zu kontaminieren.
Die Zeitspanne ist ein gewaltiger Faktor.
30 Sekunden versus 90 bis 180 Sekunden. Das klingt nach wenig Unterschied, aber versuchen Sie mal, drei Minuten lang eine Flüssigkeit in die Haut einzureiben, ohne dass sie antrocknet. Man muss ständig Desinfektionsmittel nachnehmen. Das erfordert Disziplin. Unsere Daten bei HyHelp haben oft gezeigt: Wenn es im OP schnell gehen muss, wird hier gerne mal abgekürzt. Ein gefährliches Spiel.
Die Trocknung ist anders.
Bei der hygienischen Händedesinfektion lässt man die Hände einfach an der Luft trocknen. Hände schütteln („Winken“) ist verpönt, da es Keime durch die Luft wirbelt. Bei der chirurgischen Desinfektion ziehen Sie danach sterile Handschuhe an. Das geht nur, wenn der Alkohol vollständig verflogen ist. In noch feuchte Handschuhe zu schlüpfen, ist ein Rezept für massive Hautirritationen und macht das Anziehen zur Qual.
Warum Technik allein nicht hilft (aber notwendig ist)
Wir haben bei HyHelp viel über Technologie gesprochen – Badges, die tracken, ob jemand den Spender benutzt hat. Das Interessante ist: Die chirurgische Händedesinfektion ist technisch oft einfacher zu überwachen, aber schwerer korrekt auszuführen.
Im OP gibt es meist zentrale Waschräume. Dort stehen alle. Die soziale Kontrolle ist hoch. Wenn der Chefarzt schrubbt, schrubbt der Assistent auch. Auf der Station, bei der hygienischen Desinfektion, passiert das oft im Verborgenen, im Patientenzimmer, hinter dem Vorhang. Hier ist die Compliance oft erschreckend niedrig (manchmal unter 50%), weil der „Zeuge“ fehlt.
Ein Wort zur Hautpflege: Der unterschätzte Erfolgsfaktor
Ich kann gar nicht oft genug betonen, wie wichtig intakte Haut ist. Es klingt paradox, aber wer zu viel desinfiziert und nie pflegt, erreicht das Gegenteil von Hygiene.
Raue, rissige Haut ist wie eine Kraterlandschaft für Bakterien. Kein Alkohol der Welt kommt in jede mikroskopische Schrunde einer kaputten Hautbarriere. Außerdem brennt Alkohol auf kaputter Haut wie Hölle. Was ist die logische Konsequenz? Das Personal vermeidet die Desinfektion, um Schmerzen zu entgehen. Ein Teufelskreis.
- Nutzen Sie die Pausen für Hautschutzcremes. Schutzcremes gehören nicht unter den Handschuh oder direkt vor die Desinfektion, sondern in die Pausenzeiten oder nach Feierabend.
- Moderne Desinfektionsmittel enthalten Rückfetter. Wenn Sie das Gefühl haben, das Mittel klebt, ist das oft der Rückfetter. Das ist gut, kein Zeichen für schlechte Qualität!
Fazit: Wissen, was man tut
Der Griff zum Spender darf kein Automatismus sein, bei dem das Gehirn ausschaltet. Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob ich gerade nur ein Tablett aus einem Zimmer geholt habe oder ob ich gleich einen Bauchraum öffne.
Für die hygienische Desinfektion gilt: Kurz, knackig, aber flächendeckend – Daumen und Fingerkuppen nicht vergessen. Die 30 Sekunden sind heilig.
Für die chirurgische Desinfektion gilt: Ruhe bewahren. Die Zeit, die Sie hier investieren, ist die Lebensversicherung des Patienten gegen Wundinfektionen. Weg mit der Bürste, Augen auf die Uhr und sicherstellen, dass die Haut wirklich die gesamte Zeit über feucht vom Präparat bleibt.
Am Ende des Tages ist es egal, wie gut unser Monitoring-System war oder wie teuer das Desinfektionsmittel ist – die Sicherheit hängt an den zwei Händen, die es benutzen.
